20 Jahre Revolutionärer Aufbau

20 Jahre Revolutionärer Aufbau

Wir dokumentieren hier das Vorwort der Broschüre, welche der Revolutionäre Aufbau Schweiz zu seinem 20-jährigen Bestehen 2013 herausgab.


 

Bruch und Kontinuität

Wenn wir an einem ernsthaften, langfristigen Projekt arbeiten, dann bekommt die politische Reproduktion, die Dialektik zwischen Kontinuität und der Dynamik der jeweiligen Klassenkämpfe, eine zentrale Bedeutung.

Zeit

Es mag erstaunen den Rückblick auf 20 Jahre revolutionären Aufbauprozess mit dem Begriff der Zeit zu beginnen, doch Zeit ist eine der Grundfragen des revolutionären Aufbaus, des revolutionären Prozesses im Allgemeinen. Zeit ist die Kategorie, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenknüpft. In gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sich das revolutionäre Subjekt noch zum grossen Teil kontemplativ verhält, daher die revolutionären Kräfte schwach sind, bekommt für den revolutionären Prozess die politische Reproduktion grösste Bedeutung. Wobei Reproduktion im umfassendsten Sinne gemeint ist: politische Formierung, Schulung, Organisierung, Aufbau von Gegenmacht. Kontinuität erfordert ideologische und politische Einheit, eine Einheit allerdings, die nicht durch ein wie auch immer deklariertes politisches Programm zu bewerkstelligen ist, sondern grundlegende ‚eigenständige’ dialektische Methoden voraussetzt. Diese zu entwickeln erfordert Zeit, denn sie entstehen nicht am Tisch, sondern wachsen aus praktischen Erfahrungen. Wir wählten den beschwerlichen und langen Weg der praktischen Erfahrungen, der zur Erkenntnis, zu Methoden, zu Programmatik, Organisation und Strategie führte und immer noch führt. Er war und bleibt verschlungen und langwierig, und er
ist auch ein mehrfach gebrochener. Der Übergang von der Praxis in die Theorie und wieder in die Praxis bedeutet einen Erkenntnisschritt nach vorne, aber auch immer ein Schritt über Grenzen hinaus. Diese Einschnitte konnten jeweils nur über den Bruch mit jeweils erreichten Positionen vollzogen werden. Entscheidend ist ein Verständnis von Zeit, das nicht wie in der kapitalistischen Gesellschaft in erster Linie einengend ‚ökonomisch’ determiniert ist (also letztlich als den Wert resp. Tauschwert bestimmende abstrakte Arbeitszeit) und damit eine Kategorie der Vergänglichkeit, sondern als kontinuierlicher Prozess hin zur revolutionären gesellschaftlich-politischen Veränderung. Zeit ist so das Äquivalent von Kontinuität, was erst die Entfaltung der Schöpfungskraft des revolutionären Kollektivs möglich macht. Die Eigenart der Zeit ist ihre vielfältige Erscheinung sowohl als Kategorie der Totalität als auch untergeordnet als menschliche Zeiteinteilung. Die Verteilung von Zeit beschränkt sich also keineswegs auf den allgemeinen Zeitprozess, sondern bestimmt die verschiedensten Prioritäten des revolutionären Aufbaus. Das heisst, die Zeit
drückt einerseits den allgemeinen Zustand der gesellschaftlichen Entwicklung aus; auf der anderen Seite kann aus ihr klar werden, in welchem Stadium sich der revolutionäre Prozess befindet. Zusätzlich zeigt sie, welche Entwicklungsmöglichkeiten der einzelne Militante im gegebenen Zeitpunkt bzw. in seiner subjektiven Situation besitzt. Es können freilich andere historische Umstände existieren, in denen sich 20 Jahre Entwicklung quasi in ‚Tagen’ konzentrieren lassen. Die Bedeutung von Kontinuität und damit der dazu notwendigen Zeit für den revolutionären Prozess entsprach einer konkreten gesellschaftlichen Situation – so wie wir sie vorgefunden haben.

Methoden

Warum begann der Aufbauprozess mit der Auseinandersetzung über Methoden? Wir waren (und sind immer noch) mit fundamentalen Fragen des revolutionären Prozesses konfrontiert, ohne direkt auf eine Anleitung zurückgreifen zu können. Entsprechend den objektiven Verhältnissen mussten wir sozusagen bei Null beginnen: wie erreichen wir Einheit, wie gehen wir mit Unterschieden und Widersprüchen um, wie lässt sich der revolutionäre Prozess bewegen, wie ist er strukturiert usw. Wir machten uns die wichtige Regel „vom Kleinen zum Grossen“ zu eigen. Die für uns zentrale Kategorie Methode, nämlich die Dialektik zwischen der theoretischen Wegweisung und dem praktisch gewiesenen Weg, wurzelt in dieser Ausgangssituation.
Es brauchte kollektive und einheitliche Instrumente, so etwas wie eine gemeinsame ‚Sprache’, um den Aufbauprozess anzupacken. Und vorwärts zu bewegen. Dazu kamen die wissenschaftlich-theoretische Arbeit und die konkrete Analyse der konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, als Voraussetzung jedes revolutionären Prozesses. Unser Strategieansatz entwickelte sich auf den Grundlagen einheitlicher Methoden, einer ökonomischen Analyse (Krisentheorie), historischen Erfahrungen des revolutionären Proletariats und schliesslich in ideologisch-politischen Grundsatzpositionen, auf die immer wieder Bezug genommen wird. Sei es als Ausgangsposition, als allgemeine Leitlinie oder als allgemeine Zielsetzung. Es gehört zu den grundlegende Eigenschaften des revolutionären Prozesses, dass er sich seine eigenständigen Methoden und Kategorien schafft. Jede Stufe in der Entwicklung der Praxis ist durch das Hervortreten einer Anzahl ‚eigener’ Begriffe und Kategorien gekennzeichnet.

Historischer Prozess

Nach der umfassenden Krise der revolutionären Linken in den Metropolen, des kontinuierlichen Verlustes des revolutionären Charakters der Befreiungskämpfe im Trikont und insbesondere auch nach dem Ende des Revisionismus 1989 ging es zuallererstdarum, an der kommunistischen Alternative zum Kapitalismus festzuhalten. Die Vielen, die schleichend Teil des bürgerlichen Systems wurden oder sich ins Private zurückzogen meinten damals, dass wir mit unserem Festhalten an einer revolutionären Veränderung jetzt definitiv aus der Zeit heraus gefallen seien.
Trotz diesen umfassenden Veränderungen blieben fundamentale politische Koordinaten für uns bestehen. Unbestritten waren der radikale Bruch mit der Vorstellung von reinem Widerstand und Widerstandsrecht und dass die Revolution nur der Wiederherstellung älterer Zustände und der Abschaffung bestimmter Missstände zu dienen hätte. Es ging und geht um die Machteroberung durch das revolutionäre Proletariat – ArbeiterInnen, Angestellte, Arbeitslose, StudentInnen und SchülerInnen, inklusive ReproduktionsarbeiterInnen. In der Konzeption der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen realisiert sich ein detailliertes wissenschaftliches Periodisierungsschema: Urzeit, asiatische Produktionsweise, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Kommunismus. Die Produktionsweise bezeichnet das Wesen dieser grossen historischen Zeitabschnitte, also die Art und Weise, wie die Mehrarbeit jeweils erzwungen, angeeignet und verteilt wird. Der Hauptwiderspruch im historischen Prozess von einer Produktionsweise zur anderen besteht im Widerspruch zwischen der Produktivkraftentwicklung und den Produktionsverhältnissen. Er entwickelt sich in unterschiedliche Phasen, die teilweise parallele ungleichzeitige Entwicklungen durchlaufen, und erreicht ihren Höhepunkt in einem kürzer oder länger dauernden Antagonismus, einem revolutionären Stadium. Daran hat sich auch im Jahre 2012, nach dem verkündeten ‚Ende der Geschichte’ und dem totgesagten Proletariat nichts geändert. Die Periodisierung gibt der Gesellschaft, „die dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist“ , und damit dem revolutionären Prozess, die Etappen an, die zu durchlaufen sind. Auch wenn uns nach der Restauration des Kapitalismus, die in diesem Ausmass nie erwartet wurde, das theoretische Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung fehlt(e), scheint eines klar zu sein: Der Übergang vom Imperialismus zum Sozialismus wird, nach dem Stand unserer historischen und aktuellen Erkenntnisse eine Frage von Jahrhunderten, Generationen und mehreren Anläufen sein, nicht zuletzt wegen der enormen Zunahme an gesellschaftlicher Komplexität. Dadurch kommt auf der subjektiven Seite – wir haben es schon betont der Kontinuität, sprich dem politischen Reproduktionsprozess, die entscheidende Bedeutung zu.

Die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise, die Bestimmung der entsprechenden Widersprüche und wie sie sich konkret ökonomisch, politisch und kulturell äussern, sind die Grundlagen der politischen Standortbestimmung, der strategischen Orientierung und Planung und der revolutionären Programmatik. Der Realitätsgehalt bzw. die Erfolgsaussichten von revolutionärer Politik hängen nicht zuletzt von ihrer Nähe oder allenfalls Distanz zum den jeweiligen Tendenzen der Produktionsweise und Gesellschaftsformation ab. Der Entwicklung der Strategie kommt die besondere Funktion zu, aus der verallgemeinerten Tagespolitik bzw. den aktuellen Klasseninteressen heraus einen Weg zum jeweiligen Ziel aufzuzeigen. Dabei ist es unumgänglich, über die Augenblicksereignisse eines Tages oder Jahres hinaus zu gehen, quasi Abstand zu gewinnen, um die jeweiligen Tendenzen der Produktionsweise und Gesellschaftsformation zu erkennen. Denn neben der dominierenden Produktionsweise existieren gleichzeitig noch Überreste von anderen Produktionsweisen, die auch berücksichtigt werden müssen, Zur Analyse gehören weiter die unterschiedlichen Überbaustrukturen, die innerhalb von Gesellschaftsformationen bestehen und denen wegen ihrer Zählebigkeit im revolutionären Kampf eine wichtige Bedeutung zukommt. Die Anhaltspunkte für diese Analysen, , deren Bedeutung allerdings erst in ihrer Verallgemeinerung ersichtlich werden, liefert uns der tägliche Klassenkampf

Etappen

Angesichts der Langfristigkeit des revolutionären Prozesses mit all seinen Rückschlägen geht es darum, zu erkennen, welche Etappen er durchläuft. Es genügt nicht mehr, einfach eine nicht-revolutionäre von einer revolutionären Etappe zu unterscheiden. Das hängt mit den grossen historischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zusammen: Zusammenbruch des Revisionismus, Verschwinden der Systemalternative und der damit verbundenen Tatsache, dass die ehemals progressiven Entwicklungen ins Reaktionäre umgeschlagen sind. Solche Entwicklungen hat noch keine Theorie vorausgesagt, abgesehen von der Erkenntnis, dass auch im Sozialismus neue Bourgeoisien und daher Klassenkämpfe entstehen können. Auch wenn wir die Einordnung dieser konkreten gesellschaftlichen Entwicklung, die zur jetzigen Etappe geführt hat, in den geschichtlichen Gesamtzusammenhang noch nicht leisten können, gehen wir doch davon aus, dass das Wesen der jetzigen Etappe durchaus erkennbar ist: Die generelle Krise(n) der kapitalistischen Produktionsweise generiert nach wie vor gesellschaftliche Widersprüche, an denen sich Keime revolutionären Bewusstseins und Handelns entwickeln. In der gegenwärtigen Etappe muss das strategische Ziel darin bestehen, aus diesen Keimen eine revolutionäre Wirklichkeit zu machen. In den politischen Formen des organisierten Aufbauprozesses sehen wir die Mittel, das schrittweise zu verwirklichen Konstituierend darin ist der Aufbau der Organisation der Revolutionäre. An der Fähigkeit zur Reproduktion der revolutionären Kräfte misst sich gegenwärtig der Erfolg oder Misserfolg des revolutionären Prozesses. Politisierung und Mobilisierung proletarisch-revolutionärer Kräfte – ihre Organisierung entsprechend ihrem Bewusstsein und ihrer speziellen Interessen – Reproduktion von revolutionärem Bewusstsein durch marxistische Schulung und praktischem Klassenkampf – Verluste, Entpolitisierungen, persönliche Krisen, inhaltliche Spaltungen der revolutionären Kräfte – höheres Bewusstsein – vertieftere Organisationsformen – grössere Reproduktionsfähigkeiten: Das ist das besondere Bewegungsgesetz der aktuellen subjektiven Etappe, ausgerichtet auf die ‘objektive’ Fähigkeit der revolutionären Kräfte, sich unabhängig von einzelnen Individuen zu reproduzieren und damit die revolutionäre Seite aufzubauen.

Einheit

Wie können wir trotz allen Verschiedenheiten der beteiligten GenossInnen Einheit(en) erreichen – diese Frage steht notwendigerweise im Zentrum eines jeden Organisationsaufbaus. Wir lernten bald, dass es nicht die Einheit gibt, sondern, bezogen auf unterschiedliche Fragestellungen und Praxisbereiche, unterschiedliche Einheiten, allerdings auf einheitlichen Methoden basierend. Einheit muss konkret sein und sich in der Realität umsetzen. Unsere Einheit ist Ausdruck von Bewusstsein, das sich in der Praxis, bei der praktischen Lösung von Widersprüchen, gebildet hat. Dies scheint wichtig zu sein: Ideologische und politische Einheit ist mehr als politische Klarheit, langjährige Erfahrung und umfangreiches Wissen. Diese Elemente allein ergeben noch keine politische Einheit. Einheit ist zusätzlich Ausdruck von bewusster Einsicht in die Zentralität des Kollektivs, die Unterwerfung unter die Ordnung einer eigenständigen Dialektik, die zwischen den einzelnen Elementen des Kollektivs vermittelt, und ferner die Kunst, eine permanente politische Debatte zu führen. Erst die bewusste Einheit ermöglicht die Verarbeitung von praktischen Erfahrungen, politischen Positionen, Klasseninteressen und marxistischem Wissen zu einem eigenständigen theoretischen Rahmen. Wir versuchen, den wissenschaftlichen Sozialismus mittels der Formulierung von Gesetzmässigkeiten und politischen Kategorien für unsere revolutionäre Praxis zu konkretisieren.

Strategie

In der revolutionären Strategie, in der Klassenanalyse, die eben eine Klassenkampfanalyse sein muss, taucht das subjektive Moment als zentrale Fragestellung auf. Wir müssen erklären, wie sich die einzelnen Merkmale der jeweiligen Etappe des revolutionären Prozess definieren, wie sich nämlich die jeweilige objektive Klassenlage in revolutionäres Klassenbewusstsein entwickeln lässt. Dieser zentrale Bewusstseinsprozess lässt sich nur mittels und im Klassenkampf bewerkstelligen, über die Frage, wie dieser politische Kampf zusammengesetzt ist und in welchen Formen er sich ausdrückt. Schliesslich wollten wir auch die Organisationsformen, durch die der Kampf realisiert wird, bestimmen. Dies erforderte einen komplexen Diskussionsprozess, der spezifische Methoden benötigte, über die wir uns in einem ersten Schritt einigten und die schliesslich eine erfolgreiche Debatte ermöglichten. Damit muss die revolutionäre Strategie Besonderes leisten: einen sehr langfristigen Weg entwickeln, der sich durch die verschiedenen Etappen zu bewegen hat; klar auf ein Endziel (Machteroberung) ausgerichtet und gleichzeitig fortlaufend Zwischenzielsetzungen bestimmend; aus der Dynamik des jeweiligen Klassenkampfes Impulse und Kräfte schöpfen und trotzdem Kontinuität in jeglicher Hinsicht garantieren; die Machtfrage stellen und trotzdem der Konterrevolution nicht ins offene Messer rennen; die ausserordentlich differenzierten Klasseninteressen der Militanten politisch formieren und in kollektive Interessen vermitteln – um einige wichtige Elemente zu nennen.

Mit dem Begriff des Besonderen für den einzuschlagenden Weg drückt sich aus, dass eine revolutionäre Strategie immer besonders ist, jeweils entsprechend den spezifischen ‘äusseren’ Verhältnissen eigenständig entwickelt werden muss. Die Erkenntnis, dass es keine allgemeine Strategie gibt, hat es dem Revolutionären Aufbau ermöglicht Ansätze eines ‘eigenen’, eben konkreten Weges zu finden. Es ist eine Auffassung von Strategie als die von keimenhaften Möglichkeiten zur Verwirklichung der allgemeinen Zielsetzung. Die Strategie ist der Brennpunkt des revolutionären Prozesses, weil das Ziel in gesellschaftlichem Sinne im Zusammenhang mit dem Weg steht und dessen konkreter Gehalt von einer Reihe Teilzielen, von der Strategie ausgefüllt wird.

Praxis

Die Entstehung bzw. Entwicklung von revolutionärem politischem Bewusstsein lässt sich nicht auf einen intellektuellen Prozess im Kopf reduzieren. Die Realität sieht anders aus. Es ist hier nicht der Ort, um das Problem der politischen Bewusstwerdung vertieft zu thematisieren, doch eines ist klar: Bewusstsein entwickelt sich in einem lebendigen, vielfältigen Austausch mit der realen Umwelt, der kognitiv und emotional stattfindet. Der Inhalt (revolutionäre Veränderung der Gesellschaft), der sich ausdrücken will, kann das nicht ohne Form. Nur durch die Form, als Flugblatt, Plakat, Demo oder Aktion, wird der Inhalt sichtbar. Es hängt von der konkreten Zielsetzung des jeweiligen Inhaltes ab, welche Form er wählt, um zu seiner grösstmöglichen Wirkung zu kommen. Das heisst, die wirkungsvollste Form ist die, die ihrem Inhalt am besten entspricht. Revolutionärer Theorie bzw. revolutionärem Inhalt entspricht am besten eine Form, die die Eigenheit einer revolutionären Veränderung und einer kommunistischen Gesellschaft widerspiegeln, die auf bürgerliche ‚Legalität’ keine Rücksicht nimmt. Die Form hat die Funktion von Vermittlung, nämlich die Beziehungen zu Inhalten laufend zu aktualisieren und damit ihre Realisierung zu ermöglichen. Erst durch eine revolutionäre Form, zum Beispiel durch die verschiedenen Ausdrucksweisen des Kampfes auf der Strasse, werden die Inhalte, für welche wir kämpfen, konkret erkenn- und nachvollziehbar. Revolutionäre Politik bricht dann auseinander, wenn die Formen tote Abstraktionen sind, in ihnen keine Handlungen sichtbar sind. Die Form hat eben die Aufgabe, ein reales, physisches Verhältnis zu den Inhalten auszubilden und zu entwickeln. Das Wesen des revolutionären Prozesses soll konkret fassbar gemacht werden: seinen revolutionären, emanzipativen Charakter, den Bruch mit dem kapitalistischen System, also die Infragestellung des bürgerlichen Macht- und Gewaltmonopols. Die unmittelbare physische und symbolische Ausdrucksweise der Massen durch kollektive Handlungen gehört zu den wichtigsten Formen der kommunistischen Bewegung. In einer Epoche, in der fast alle revolutionären Traditionen zerrissen sind und eine politisch fundamentale Veränderung kaum vorstellbar ist, ist der Kampf um und auf der Strasse mit seiner Unmittelbarkeit ausserordentlich wichtig. Auf der Strasse lernen die Massen, sich dem Kampf mit Staat und Kapital zu stellen. Nicht nur die Ausnutzung der legalen Möglichkeiten, sondern auch die Entfaltung von den Rahmen bürgerlicher Legalität sprengenden Kämpfen zeigen revolutionäre Möglichkeiten auf. Die Besetzung von öffentlichem Territorium, Demos und Kundgebungen, Revolutionäre Präsenz auf der Strasse mittels Plakatierung und Beschriftung der Mauern usw. soll der Stadt ein revolutionäres Gepräge aufdrücken – als Kontrast zur bürgerlichen Normalität. Eine demonstrative Wirkung auf ‚Freund’ und Feind: die Herrschaft des Kapitalismus wird hier in Frage gestellt und für eine revolutionäre Alternative gekämpft. Wie wir wissen kommt diese Botschaft an, Von diesen Initiativen geht eine Wirkung aus, die über alle verbalen Äusserungen gegen den Kapitalismus hinaus reichen. An seine Stelle tritt zwar noch keine eigene Machtposition, doch vermitteln diese Kampfformen Bewusstsein über die eigene Kraft.

Der Kampf auf der Strasse ist Ausdrucksform von revolutionärer Massenkommunikation ohne Vermittlung durch technische Hilfsmittel (die zudem meistens in den Händen der Herrschenden liegen) und daher durch seine Unmittelbarkeit für revolutionäre Politik besonders wertvoll. Denn in dem die Einzelnen im Kollektiv aktiv handelnd in den politischen Prozess eingreifen, zerschlagen sie die herrschende politisch-soziale Kohäsion, nämlich die Verhältnisse passiv beobachtend hinzunehmen, sie lösen sich aus ihrer Isolation und überwinden ihre Machtlosigkeit/Handlungsunfähigkeit. Die Praxis des Revolutionären Aufbaus fusst- und zielt zugleich auf diese politischen Möglichkeiten.

„Vor allem unterscheidet sich der Marxismus von allen primitiven Formen des Sozialismus dadurch, daß er die Bewegung durch keine bestimmte Kampfesform bindet. Er anerkennt die verschiedensten Formen des Kampfes, wobei er sie nicht ,erdenkt`, sondern nur verallgemeinert, organisiert und jenen Formen des Kampfes der revolutionären Klassen, die im Gange der Bewegung von selbst entstehen, eine bewußte Form verleiht. Jeglichen abstrakten Formen und doktrinären Rezepten feindlich gegenüberstehend, fordert der Marxismus eine aufmerksame Stellung zu dem stattfindenden Massenkampf, der im Laufe der Entwicklung der Bewegung des Anwachsens des Klassenbewußtseins der Massen, der Zuspitzung der wirtschaftlichen und politischen Krisen immer neue und mannigfaltigere Methoden der Verteidigung und des Angriffes hervorbringt“ (Lenin).