Das Prinzip der indirekten Wirkung –    Zum Verhältnis von Grund- und Hauptwiderspruch, von ökonomischem Kern und konkreten Kämpfen.

Das Prinzip der indirekten Wirkung – Zum Verhältnis von Grund- und Hauptwiderspruch, von ökonomischem Kern und konkreten Kämpfen.


I.

Wie die Theorie überflüssig wurde und wir den luftleeren Raum imaginierten .

Als Marxist erscheint einem der Anspruch, dass Praxis und Theorie eine Einheit bilden müssen, als blosse und oft beteuerte Selbstverständlichkeit. Doch findet sich, zumindest bei jenen Organisationen, die einen wirklichen Bezug zu den Bewegungen der Massen haben hier oft eine Diskrepanz. Diese drückt sich dadurch aus, dass die Theorie der Praxis gewissermassen nachhinkt und für diese keinen konkreten Nutzen mehr besitzt. Das führt im besseren Falle dazu, dass die Theorie, zumindest ein Stück weit, beiseitegelassen wird, damit sie die Entwicklung der Praxis nicht stört. Im schlechteren und wohl häufigeren Fall bedeutet es jedoch, dass die Theorie wie ein Klotz am Bein mitgeschleift wird und die Entstehung einer adäquaten Praxis ständig behindert. Diese Überlegung wollen wir im Folgenden konkretisieren.

Wir beziehen uns in diesen Ausführungen zu Praxis und Theorie hauptsächlich auf das Verhältnis zwischen den real existierenden Kämpfen und der ökonomischen Analyse des Marxismus. Diese Analyse besitzt den Verdienst, aufgezeigt zu haben, dass Gesellschaften über eine ökonomische Basis verfügen, die sie in letzter Instanz bestimmen. Die Produktionsverhältnise, also die Verhältnisse, welche die Menschen, unabhängig von ihrem Willen, eingehen um die Dinge ihres Bedarfs zu produzieren, bestimmen so letztendlich den Charakter der jeweiligen Gesellschaft. Staat, Kultur, Politik, Religion – sprich, Instanzen welche nicht zur eigentlichen ökonomischen Basis gehören, werden, trotz teilweiser Autonomie, letztendlich von dieser bestimmt. Dabei hat Marx den Widerspruch, welcher der geschichtlichen Entwicklung zugrunde liegt, als denjenigen zwischen Produkivkräften und Produktionsverhältnisen bestimmt, der sich letztlich in kapitalistischen Verhältnissen als grundlegender Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital im Klassenkampf zeigt. So weit so klar. Nun bedeutet diese Analyse für eine am Marxismus orientierte Praxis offensichtlich, dass es darauf ankommt, an diesem Widerspruch zu arbeiten. Zu Zeiten der historischen Arbeiterbewegung bedeutete dies den Bezug auf ebenjene Bewegung, welche im ökonomischen Kampf für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedinungen ganz unmittelbar eine Seite des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit zu verkörpern schien.

Heute wird meist eher wehmütig auf diese zum Mythos des reinen Klassenkampfes gewordene Bewegung zurück geschaut. Während ein Teil der kommunistischen Bewegung angestrengt versucht, die historische Arbeiterbewegung wieder zu erwecken, hat der undogmatischere Teil den Begriff des Klassenkampfes zumindest etwas ausgeweitet. So ist heute oft davon die Rede, dass die Kämpfe im „Alltag“ der Menschen stattfinden müssten also da, wo jemand ganz konkret von der kapitalistischen Realität betroffen sei. Dazu wird floskelartig nebst dem Arbeitsplatz beispielsweise auch die Wohnsituation oder die Schule gezählt. Wenn diese theoretischen Konzepte auf die Realität der Bewegungen treffen, kann das jedoch schnell zu Ernüchterung führen. Denn nur allzuoft entzünden sich Bewegungen an Punkten, die so gar nicht in dieses theoretische Schema passen wollen.

Der klassische Arbeitskampf, oft zum zentralen Sektor der revolutionären Politik ausgerufen, ist, zumindest in weiten Teilen Europas, schon beinahe zu einer Seltenheit geworden. Kämpfe und Bewegungen entzünden sich dagegen oft an Fragen, die der Marxismus zum politischen Überbau rechnet. Dem entsprechen häufig auch Kampfformen, welche kaum ökonomischen Charakter haben. 2011 entstand in Griechenland eine Bewegung gegen die Politik der Troika aus EU, IWF und EZB sowie gegen das alte politische Zweiparteiensystem. Vom Kampf gegen das Kapital war wenig die Rede, angegriffen wurden Institutionen, welche dem politischen Überbau angehören. Dem entsprach auch die Form dieser Bewegung, welche als zentraler Moment aus grossen Platzbesetzungen in den Innenstädten bestand. Streiks oder andere ökonomischere Kämpfe waren zwar ebenso auszumachen, bildeten jedoch eher einen unterstützenden Teil der Bewegung und nicht ihr zentraler Moment. Selbiges war auch in den Bewegungen des sogenannten „arabischen Frühlings“ auszumachen, wobei hier zu den zentralen Platzbesestzungen militante Revolten der Massen hinzukamen. Auch hier beriefen sich Streiks auf die Bewegung, spielten jedoch keine zentrale Rolle. Ähnliches gilt für die militante Revolte gegen die AKP-Regierung in der Türkei , die sich 2013 daran entzündete, dass einige Bäume in einem Istanbuler Park einem Einkaufszentrum weichen sollten. In anderen Bewegungen waren ökonomische Kämpfe und Forderungen völlig abwesend, Beispielsweise während den Aufständen und Strassenkämpfen in den Aussenquartieren von Paris oder London. Ähnliches war auch in der sogenannten „Anti-Globalisierungs-Bewegung“ oder in der Bewegung gegen den Irak Krieg 2003 zu beobachten. Diese Bewegungen entwickelten eine beachtliche Stärke, hatten jedoch keinen unmittelbaren Bezug auf den sozialen Alltag der Bewegten. Selbiges gilt auch für kleinere Bewegungen in Solidarität mit Befreiungskämpfen oder mit den Kämpfen von Flüchtlingen.

Natürlich hatten die beispielshalber aufgeführten Bewegungen teilweise ganz unterschiedliche Qualitäten. Allerdings scheint ihnen die weitestgehende Abwesenheit des für den Marxismus eigentlich zentralen Widerspruchs von Arbeit und Kapital gemeinsam zu sein. Sowohl hinsichtlich der Punkte, an denen sie sich entzünden, wie auch in den Formen, welche sie annehmen.

Für jemand der von der Methode von Marx – und damit die Zentralität des Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital – ausgeht, stellt sich nun die Frage, wie diesen Bewegungen begegnet werden sollte. Eine Möglichkeit zeichnet sich dadurch aus, sich gegenüber der Bewegung bevormundend zu verhalten und zu versuchen, sie von der Zentralität der ökonomischen Forderungen und Kampfformen zu überzeugen. Ein schulmeisterliches Verhalten, dessen Erfolg in der Regel höchst überschaubar bleibt. Die zweite Möglichkeit ist es, die jeweilige Bewegung, gerade wegen der von ihr gewählten Kampfformen, überhaupt nicht als Bewegung anzuerkennen. Statdessen steht man daneben und kritisiert die Bewegung naserümpfend. Dies war übrigens die Vorgehensweise, welche die Kommunistische Partei in Griechenland gegenüber der Bewegung der Platzbesetzungen an den Tag legte. Die Platzbesetzungen wurden als unpolitisch deklariert und dagegen der Kampf gegen das Kapital in den Betrieben stark gemacht. Aber auch den Aufständen in den Vororten von Paris oder London wurde von nicht wenigen der politische Charakter gänzlich abgesprochen. Eine dritte Möglichkeit wäre es, sich praktisch an den Bewegungen zu beteiligen aber den Marxismus konsequenterweise nicht mehr als Methode zu sehen, welche auf diese Bewegungen bezogen von Nutzen sein könnte. Der Marxismus wäre dann zum Eingangs erwähnten theoretischen Klotz am Bein geworden, der zugunsten der Praxis abgelegt werden muss. Das wäre immerhin konsequent, denn eine Theorie, welche der Praxis nicht mehr dienen kann, macht sich selbst überflüssig.

Wir würden uns wohl selbst der letzten Möglichkeit am nächsten fühlen, wenn wir nicht der Meinung wären, dass sie, wie auch die vorherigen, auf einem falschen Verständnis des Marxismus beruht. Georg Lukacs schrieb zur Frage der kapitalistischen Akkumulation, dass Marx deren Formeln nur herausarbeiten konnte, weil er eine Abstraktion gegenüber der Gesamtwirklichkeit vornahm. Versucht man jedoch diese Gesamtwirklichkeit, insbesondere hinsichtlich der politischen Praxis, zu fassen, so darf man nicht in „jenem luftleeren Raume der mathematischen Formeln“ stehenbleiben. Es ist tatsächlich der grosse Verdienst von Marx, gewissermassen den ökonomischen Kern des Kapitalismus herausgearbeitet zu haben. Und es ist der grosse methodische Vorteil des Marxismus, seine Analysen mit dem Wissen um diesen Kern anzustellen. Allerdings läuft der Marxismus stets Gefahr, aus einem falschen Stolz um dieses Wissen, in eine Art von Ökonomismus zu verfallen.

Diesem Ökonomismus entspricht nicht nur eine Überbetonung der ökonomischen Faktoren und eine Unterbewertung von Überbau-Phänomenen sowie ein mechanizistisches Verständnis des Verhältnises zwischen Basis und Überbau. Sondern der Ökonomismus verstellt auch den Blick darauf, in welcher Form sich der ökonomische Kern der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt auf diese auswirkt. Die Folge davon ist die oben dargestellte Unfähigkeit des ökonomistischen Marxismus eine adäquate Antwort auf die Fragen zu liefern, welche sich aus der Praxis ergeben.

 

II.

Wie sich die Widersprüche wandelten und Mao eine Entdeckung machte.

Anregungen zur Abhilfe können hier Mao Zedongs philosophische Werke bieten, insbesondere seine Schrift „Über den Widerspruch“. In diesem Werk bringt Mao eine ganze Reihe von neuen Begriffen in das Denken der Dialektik ein; Grund-, Haupt- und Nebenwiderspruch, die hauptsächliche und sekundäre Seite des Widerspruchs, der antagonistische und nichtantagonistische Widerspruch oder das Gesetz der Ungleichmässigkeit der Entwicklung der Widersprüche. Wir denken, dass eine Aneignung dieser Begriffe sich als fruchtbar erweist. Denn der Vorteil an Maos Dialektik, aus der sie stammen, ist, dass „wir es in seiner gesamten Analyse immer nur mit komplexen Prozessen zu tun haben, die immer schon eine Struktur mit vielfachen und ungleichen Widersprüchen auftreten lassen“ (Althusser). Mao geht also von einer Gesellschaft als „komplexem Ganzen“ aus, das sich nicht auf einen zentralen ökonomischen Widerspruch und dessen Entwicklung reduzieren lässt. Bekanntheit hat aus „Über den Widerspruch“ insbesondere das Begriffspaar Haupt- und Nebenwiderspruch erhalten, wobei sich über die Missverständnise, welche diese Begriffe bis heute auslösen, gut ein eigener Text schreiben liesse. Wir wollen hier jedoch auf die Unterscheidung zwischen Grund- und Hauptwiderspruch eingehen, welche in der Literatur, die sich mit Maos Philosophie befasst, kaum Beachtung findet.

Folgendes schreibt Mao über den Grundwiderspruch: „Der Grundwiderspruch im Entwicklungsprozeß eines Dinges und das durch diesen Grundwiderspruch bedingte Wesen des Prozesses verschwinden nicht, solange der Prozeß nicht abgeschlossen ist; doch weisen die Umstände in den einzelnen Etappen dieses langen Entwicklungsprozesses oft Unterschiede auf.“

Der Entwicklungsprozess eines Dinges wird also von seinem Anfang bis zu seinem Ende nur von einem, sich gleichbleibenden Grundwiderspruch bestimmt. Der Entwicklungsprozess lässt sich jedoch in einzelne Etappen aufteilen, die voneinander unterschieden werden müssen. Mao präzisiert das folgendermassen:

„Das ergibt sich daraus, daß der Grundwiderspruch im Entwicklungsprozeß des betreffenden Dinges, obgleich sich sein Charakter und das Wesen dieses Prozesses nicht ändern, in den einzelnen Entwicklungsetappen des langen Prozesses immer schärfere Formen annimmt. Mehr noch, unter den größeren und kleineren Widersprüchen, die durch den Grundwiderspruch bedingt sind oder sich unter seinem Einfluß befinden, verschärfen sich die einen, während andere zeitweilig oder teilweise gelöst oder gemildert werden und wieder andere, neue Widersprüche entstehen. Daher tritt ja der Prozeß etappenweise in Erscheinung.“

Auch wenn also der Prozess in einzelne Etappen aufgeteilt werden kann, bleibt der Grundwiderspruch doch in allen Etappen bestehen. Soweit vorerst zum Begriff des Grundwiderspruchs. Den Hauptwiderspruch dagegen, charakterisiert Mao folgendermassen: „Jedenfalls steht es ganz außer Zweifel, daß es in jeder Etappe eines Entwicklungsprozesses nur einen einzigen Hauptwiderspruch gibt, der die führende Rolle spielt.“ Im Gegensatz zum Grundwiderspruch bezieht sich also der Hauptwiderspruch nur auf eine einzelne Etappe im gesamten Prozess. Während der Grundwiderspruch, wie oben beschrieben, während des ganzen Prozesses derselbe bleibt, kann sich der Hauptwiderspruch in dem Entwicklungsprozess ändern.

Das Verhältnis kann also vorerst folgendermassen zusammengefasst werden: Während ein Grundwiderspruch den gesamten Prozess bestimmt, bestimmt der jeweilige Hauptwiderspruch die besonderen Etappen in diesem Prozess.

Es ist nun zugegebenermassen etwas schwierig, die Beziehung zwischen diesen beiden Begriffen wirklich zu durchschauen. Das liegt auch daran, dass Maos Text sehr stark in der Tradition der chinesischen Philosophie steht. Im Gegensatz zur westlichen Philosophietradition finden sich in den chinesischen Schriften bedeutend weniger klare Definitionen von Begriffen, dagegen wird meist mit Beispielen und Gleichnisen gearbeitet. Daher macht es auch hier Sinn, sich Maos entsprechende Beispiele zu den jeweiligen Begriffen anzuschauen.

Maos Analyse bezieht sich auf das China der 1930er Jahre, das er nicht als vollständig entwickelte bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft ansieht, sondern als halbfeudale und halbkoloniale Gesellschaft. Wärend auf dem Land noch feudalistische Strukturen zu finden waren, hatten sich, insbesondere in den Hafenstädten des Südens, bereits Teile einer kapitalistischen Gesellschaft herausgebildet, welche jedoch vollständig unter der Kontrolle der imperialistischen Länder standen. Das ist, verkürzt wiedergegeben, die Analyse, welche Mao für die ökonomische Basis der chinesischen Gesellschaft aufstellte. Der Grundwiderspruch war für Mao demgemäss derjenige zwischen den Kräften der antiimperialistischen und antifeudalistischen demokratischen Revolution und dem halbkolonialen und halbfeudalen Charakter Chinas. Dieser Grundwiderspruch ändert sich für Mao über mehrere Etappen hinweg nicht – Niederlage der Revolution von 1911, Herstellung der ersten nationalen Einheitsfront, Agrarrevolutionärer Krieg, Bildung der zweiten Einheitsfront etc. Eine Änderung erfährt dagegen der jeweilige Hauptwiderspruch. War nämlich der Hauptwiderspruch für Mao über mehrere Etappen hinweg derjenige zwischen „zwischen dem Feudalsystem und den Volksmassen“, so änderte er sich durch den Überfall Japans auf China von 1937. Nun „wird der Widerspruch zwischen dem Imperialismus und dem betreffenden Land zum Hauptwiderspruch“, während der bisherige Widerspruch vorübergehend zum Nebenwiderspruch wird. Die praktische Konsequenz aus dieser Analyse, die Bildung der Einheitsfront mit der Guomindang gegen die Japaner, ist bekannt.

In Maos Beispiel verfügt also der Grundwiderspruch als Klassenwiderspruch zwischen Feudalsystem und Volksmassen, der den Gesamtprozess durchzieht, über einen ökonomischen Charakter. Der Hauptwiderspruch kann dagegen, wie im Fall des Krieges der Einheitsfront gegen die japanischen Agressoren, auch einen politischen Überbaucharakter aufweisen. Wir würden sogar behaupten, dass dies die Regel ist. Stützen könnte man sich dabei auch auf die chinesische Terminologie. Im chinesischen Original verwendet Mao die Begriffe gēnběn máodùn (根本矛盾) und zhǔyào máodùn (主要矛盾) die in der deutschen Übersetzung mit Grund- bzw. Hauptwiderspruch wiedergegeben werden. Máodùn ist hierbei das chinesische Wort für Widerspruch, in dem nebenbei gesagt, einerseits die Schönheit der chinesischen Sprache aufscheint aber auch ihre Anwendbarkeit für das dialektische Denken. So setzt sich das Zeichen für Widerspruch aus den beiden Zeichen für Schild und Speer zusammen, eine Struktur die wir in zahlreichen chinesischen Begriffen wiederfinden. Was wir als Grundwiderspruch lesen, nannte Mao nun gēnběn máodùn, wobei im Begriff gēnběn die Bedeutung von běn „Wurzel“ stehts mitschwingt. In zhǔyào máodùn ist dagegen die Bedeutung von zhǔ „Erster“, „Gastgeber“, oder „Herr“ enthalten. Während der Begriff des Grundwiderspruchs also eher in Richtung Wurzel oder Struktur deutet, weist der Begriff des Haoptwiderspruch eine stärker personelle oder subjektiv-handelnde Konnotation auf. Es bietet sich daher an, den Grundwiderspruch als die ökonomische Struktur zu lesen, welche eine Gesellschaft in letzter Instanz bestimmt, während der Hauptwiderspruch dagegen über einen stärker politischen und konjukturellen Charakter verfügt, der sich oft in den Sphären des „Überbaus“ verorten lässt.

 

III.

Was Laozi damit zu tun hat und warum derjenige, der sich erhöht, nicht zu sehen ist.

Wir haben uns nun einer Definition der beiden Begriffe von Grund- und Hauptwiderspruch angenähert. Im Dunkeln geblieben ist bisher allerdings die Beziehung, die sie zueinander haben. Dabei geht es ganz allgemein um die Frage, wie sich der ökonomische Kern einer Gesellschaft auf die anderen Bereiche auswirkt und besonders darum, wie sich dieser Kern auf die real existierenden Kämpfe und die politische Praxis auswirkt.

Da wir uns bereits nach China begeben haben, wollen wir, um diese Wirkung zu erläutern, noch etwas dort verweilen. „Wer sich erhöht, ist nicht zu sehen / Wer sich selber rühmt, hat keinen Verdienst / Wer sich selber verherrlicht, hat keine Dauer“ schrieb Laozi einst. Man könnte solche Sprüche leicht als simple Aufforderung zur Bescheidenheit missverstehen, doch bei den chinesischen Philosophen liegt die Tiefe stets unter der Binsenweisheit verborgen. Denn was Laozi hier meint hat nichts mit Zurückhaltung aus Bescheidenheit zu tun. Vielmehr geht es darum, wie möglichst effektive Wirksamkeit erreicht werden kann. Laozi spricht sich hier gegen den Versuch aus, eine Wirkung möglichst direkt mittels Anstrengung zu realisieren, sich also auf die Zehenspitzen zu stellen, um gesehen zu werden. Sein Konzept der Wirkung ist vielmehr ein indirektes, das für die philosophische Tradition Chinas zentral geworden ist: „Wer direkt erlangen möchte, was er will, blockiert die Möglichkeit, es zu erreichen. Was sich wirklich realisiert, kann nur auf der Ebene der Wirkung liegen, und die Wirkung wird immer durch einen Prozess (der die Situation umwandelt) erreicht.“ (François Jullien).

Mao hat die chinesischen Klassiker sehr genau studiert. Es ist also nicht vermessen, anzunehmen, dass er dieses Konzept der indirekten Wirkung im Kopf hatte, als er schrieb, dass grössere und kleinere Widersprüche durch den Grundwiderspruch „bedingt“ sind oder sich „unter seinem Einfluss befinden“. Der Grundwiderspruch wirkt auf die Gesellschaft aber er wirkt sich nie direkt aus, sondern vermittels eines jeweiligen Hauptwiderspruchs. Es bedeutet letztlich nichts anderes, wenn Althusser schreibt, dass die Ökonomie die Gesellschaft zwar bestimmt, aber nur als „abwesende Ursache“ und in „letzter Instanz“.

 

IV.

Was nicht zu tun ist.

 Kommen wir noch einmal auf das Beispiel der Politik der Kommunistischen Partei Griechenlands zurück. Natürlich ist die Analyse, dass im bürgerlich-kapitalistischen Griechenland der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital den Grundwiderspruch darstellt, absolut korret. Gemäss dieser Analyse richtete diese Partei ihre Arbeit in sehr starkem Masse auf die Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung aus, die sie als direkten Ausdruck dieses Widerspruchs gesehen hat. In den Jahren nach 2008 drückten sich die erstarkenden Kämpfe jedoch oftmals jenseits der direkt ökonomischen Sphäre aus. In der Phase Anfangs 2009 nahmen sie, infolge eines Polizeimordes an einem jungen Anarchisten, die Form von militanten Strassenkämpfen an. Nach 2011, infolge der Austeritätspolitik der europäischen Troika, äusserten sie sich in Form von grossen Platzbesetzungen. Es lässt sich hier von zwei unterschiedlichen Etappen mit jeweils eigenen, prägenden Hauptwidersprüchen sprechen. Wenn wir uns die zweite dieser Etappen genauer anschauen, dann zeigt sich hier der Hauptwiderspruch in der Bewegung der Volksmassen gegen die Verbindung aus europäischer Troika und dem alten politischen Zweiparteiensystem Griechenlands. Es waren diese beiden politischen Institutionen, die von den Versammlungen der Massen auf den Plätzen attackiert wurden. Die Kommunistische Partei stand in dieser Bewegung abseits. Sie begab sich nicht auf die Plätze und kritisierte die Bewegung als unpolitisch und illusorisch, da sie nicht den eigentlichen Grundwiderspruch aufnahm. Die Kommunistische Partei verstand nicht, dass sich der Grundwiderspruch durch einen aktuellen Hauptwiderspruch ausdrückte, der den Charakter einer neuen Etappe bestimmte. Sie propagierte daher ihre bisherige ökonomistische Politik entgegen der Bewegung der Massen und wurde in der Folge von dieser links liegen gelassen. Profiteren konnte davon die grösstenteils reformistische Partei Syriza, welche die Bewegung aufgriff, durch sie erstarkte und sie wenige Jahre später auf ganzer Linie verriet.

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Natürlich ist es ein ökonomischer Kern, auf die Formel des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit gebracht, welcher die Gesellschaft letztendlich bestimmt. Und natürlich sind die Kämpfe der Massen eine Folge dieses Grundwiderspruchs. Es ist die sinnliche Erfahrung wie sich dieser Widerspruch im Alltag der Massen, in der Arbeit, der Schule, den Lebensumständen in den Quartieren usw. – auswirkt, die immer wieder aufs Neue Kämpfe hervorruft. Aber es ist ein Trugschluss zu denken, dass die Kämpfe unmittelbar an diesen Orten entstehen müssten. Der Grundwiderspruch muss vielmehr immer mittels eines Hauptwiderspruchs wirken. Obwohl dieser, wie in grossen Streikbewegungen, durchaus ökonomischen Charakters sein kann, ist ein solcher Charakter eher als Seltenheit anzusehen. Der Hauptwiderspruch findet sich oft auf der Ebene des Überbaus, hat also einen politischen und damit auch konjunkturelleren Charakter. Er ist daher auch eher auf der subjektiven Seite, der Seite der Bewegung und der Kämpfe zu suchen und bei derer schwachen Ausprägung oft schwierig zu bestimmen. Wir halten es weiter für einen Fehler eine Art Hierarchisierung der Kämpfe zu betreiben, die sich danach richtet, wie nahe Kämpfe oder Bewegungen am ökonomischen Kern angesiedelt sind. Eine solche Hierarchisierung macht den Fehler, Wirkung nur als direkte Wirkung verstehen zu können. Sie ist ein Ausdruck einer Suche nach „reinen“ Kämpfen, die sich, sobald mit der Praxis und den real existierenden Kämpfen konfrontiert, als ergebnislos zeigen muss. Die Konsequenzen, welche diese Denkweise für die Methode des Marxismus hat, haben wir bereits Eingangs erläutert. Diese Überlegungen zielen darauf ab, dass das Wissen des Marxismus um den ökonomischen Kern der Gesellschaft nicht zu einem Hindernis für die Praxis in den Bewegungen, sondern zu einer Waffe für die Analyse – welche die Praxis bedingt – wird. Dass diese Praxis nicht daraus bestehen kann, die Bewegungen der Massen über den eigentlichen ökonomischen Kern der Gesellschaft aufzuklären, sollte aus den Ausführungen implizit hervorgegangen sein. Ihre positive Bestimmung bleibt hier allerdings noch ausstehend.